Epische antillanische Tragödie

Von Mario Davalos

I

Ich bin nur an dem Tag, an dem ich sterbe, bis dann
werde ich zu einer fertigen Linie, dem letzten Punkt in
einer dieser Linien, die sich über eine Erinnerung hinaus erstreckt.

Wie im Schlaflosflug von Santo Domingo nach JFK,
die Eroberungen und Kriege fühlend und die ständige Angst
vor der Annexion, in einem einzigen Luftschiff bewegt zu werden.

Beschränkungen definieren die Grenzen zwischen Ländern,
Bezirken und Staatsmacht,
ein tragisches Ende, durch Interpretationen erzeugt,

abhängig von Charme, Präsenz und Nuancen,
die nicht Teil irgendeiner vorhergehenden Bedingung sind,
sondern die Momente, in denen Luft und Zeit geteilt werden.

Den Rand des Ozeans präzis zu kennen, weil er still
und dunkel ist wie die Spur, die wir hinterlassen, wenn wir betteln,
ein schwarzes Loch, das auf seinem eigenen Rückgrat kollabiert.

Aus zehntausend Fuss Höhe ist es eine Leere,
von der wir wissen, dass sie existiert, weil es nichts zu sehen gibt.
Wo menschliche Siedlungen sich schnell drehen,

Elektrizität und Geometrie in moderne Wunsch-
kreise aus Fiktionen, durch Knotenpunkte verbunden,
gehorsam und anständig zu werden, wie wir denken, dass wir es sollten.

Die Metamorphose steigt in die Landebahn hinab
wo Glühbirnen und Fernseher flackern als würden
Insekten gegen die Ankunft des Meeres protestieren.

Wir werden von innen heraus erobert
wie Kinder, die Reise nach
Jerusalem spielend auf ein Ergebnis zusteuern, das wir bereits kennen

während die Erwachsenen Rum gemischt mit Kinderpunsch trinken,
nostalgisch nach einer Zeit, in der sie leicht unterhalten werden konnten,
und daran erinnert wurden, vor dem Zubettgehen ihren Nabel und ihre Achselhöhlen zu reinigen,

bevor sie den doppelten gelben Linien
auf dem Asphalt entlangfolgten, die überall hinführen
ausser           wo die Vögel sind

Die Grenzen auf der Karte sind in Stein gemeisselt und so auch
die Tangente, die Anatomie und Glauben verbindet aber
wir sehen Farbe nur als Haut, die das karibische Meer bedeckt

oder die weissen und violetten Bougainvilleas, die die Garage verhüllen,
die vier Augen der Schwarzscheiteltangare
die lautmalerische Sprache der endemischen Vögel.

II

Dolon war noch nie in einem Flugzeug oder einem Zug
Trotz aller Bemühungen seiner Mutter,
die Formulare ausfüllte, ohne zu wissen was sie bedeuten,

das haitianische Aftershave, das er an dem Tag trug, als die Fotos gemacht wurden
die Geste auf dem Tirolí Markt*, eingefangen wie ein überführter Geist,
sein Haar getränkt in etwas, das eine Qualle sein muss,

zurück ins Genick gezogen wie die weissen Zicklein,
die lange Rillen hinterlassen
wie Eisenbahnschienen, die seinen Rücken hinabstürzen.

Endlich alle Stempel und Steuern bezahlt,
Geburtsurkunde legalisiert und
Mutters Träume in einem schweissdurchtränkten Umschlag getragen.

Geld geliehen von einem protestantischen Kredithai
zu dreissig Prozent, damit es auf den Kontoauszügen erscheint
als Bestätigung von Autonomie und Wohlstand,

aber der Junge kommt nicht von der Insel weg
und dieser eine Pfad, der rauf nach Bahoruco führt,
ist die einzige Migration, die er machen wird.

Vier seiner fünf Schwestern sagten „lass ihn Mami,
er würde sowieso nicht reinpassen
ein Bauer ist nicht für New York gemacht“.

Sie erzählte ihm von M&M’s und Schnee,
wie man oberhalb der hundertvierunfünzigsten Strasse an Platanos kommt,
„aber wo sind die Vögel?“ Der Centralpark ist nur eine Simulation,

ausgeweidete Berge, zu Gebäuden umarrangiert,
uralte Reptilien, die eine Bevölkerung der Hoffnung auf ihren Rücken tragen,
Räder und Knarren und Antennen so hoch wie Bergahorn,

die den Interessenverkehr kontrollieren, der als Worte begann.
Dolon tanzte, wie ihm gesagt wurde, dass es die Taínos taten,
rauchend wie ihm gelehrt wurde, dass die Taínos rauchten, bevor

sie Pferde von den Konquistadoren stahlen,
rückwärts gingen, um ihre Spuren zu verwischen, revoltierten und
in die Wälder verschwanden, todos los cimarrones saben correr**

„Du wirst hier glücklich sein“, sagte seine Mutter als sie das letzte Mal sprachen
eine Woche bevor sie auf der Rolltreppe bei Macy’s ausrutschte.
„Du kannst alles sein, was du willst“, aber kannst du es wirklich?

Eine Packung Salzcracker zerdrückt neben ihrer Handtasche
ihr Körper verheddert sich in einem schwarz-weissen Kleid
ähnlich dem, das sie an dem Tag trug, als sie das Land verliess.

III

Dolon streift durch das Dickicht des Nebelwaldes
auf allen Vieren wie ein übergewichtiger schwarzer Wolf
ungesehen von Bauern und Schmugglern.

Sein erster Vogel war die Antillen-Euphonie.
Ein kostbarer Pietersit mit Flügeln, der nach Mistelzweigen jagte
als der Junge einen alten Reifen über die Schotterpiste von Duvergé rollte.

Sind wir nicht alle auf der Jagd? Rennend? Seine Sohlen sind stumm,
wie die wahre Vergangenheit dieser Insel und der Flug der Eulen.
Seine Zehennägel pflügen die aluminöse lateritische Erde,

die die Amerikaner damals 1947 untersuchten, Savannen
und Grasland bis auf die Spitze von El Aceitillar hinauf, wo
die Kreuzschnäbel bei jedem Luftzug aus den Töpfen der Wächter trinken.

Die grössten Aluminiumvorkommen der Insel,
auch Bauxit und Goethit-Hämatit.
Sie durchkämmten den Kalkstein und die Hänge nach Erzen.

Dolon beobachtet den Aufstieg des Rotschwanzbussards,
lauscht den Geschosslauten wie dem schrillen Chwirk, das
in Hollywoodfilmen die Raubvögel ersetzt.

Eine weitere Homogenisierung des Naturreichs
wie die falschen Veilchen und die Herzform, die wir
auf Agavenblätter schnitzen.

Die beständige Qualität der Dummheit.
Das magnetische Gift im Vermächtnis.
Der einzige Fluch, der für unsere Art geeignet ist.

Er weiss es besser und liest die Temperatur des Windes. Die Hitze
steigt von den Lichtungen auf, die diese Biosphäre töten.
Der Falke gleitet über die sichtbare Beute im Korallengestein.

Er hat alle Endemiten gesehen ausser einen. Den seltensten Vogel,
den seltensten Jungen auf einer dreigeteilten Insel,
bleigrau und blutrot, die Farbtöne die Geschichte machen

und die Pirmärfedern des Rotbrustkuckucks
Cúaa! ein Ruf der beides ist: Juwel und Messer,
wie gefährliche Ereignisse in unseren Köpfen.

Er zuckt zusammen, als er das Signal einer sauberen Trompete hört
der über das Flachland schallt, dann ein Echo von den Klippen und noch eines,
weiter, als ob es über die Antillen gesendet würde,

den trockenen See überflutend, eine ebenso berüchtigte
wie imaginäre Grenze überdeckend. Alle Lebenden verpfänden ihre Körper.
Das Evangelium des Vogels wird von den grünen tropischen Wolken gepredigt.

IV

Seine jüngere Schwester ruft an, um ihm das mit Mutter zu erzählen,
doch sie kann ihn nicht erreichen. Sie ist jene, die damals ruhig blieb,
die ihm am Samstagmorgen jeweils ihre Schokomilch gab

und ihm vom Mädchen erzählte, das von Soldaten entführt und vergewaltigt wurde,
die Schmugglern über die Grenze halfen. Wie es den Weg nach Hause fand
indem sie einer aschfahlen Eule folgte, die auf Zaunpfählen hockte und wartete

als es dem Mädchen die Beine runterblutete und es dabei keine Träne vergoss.
Ihr Vater war der erste weisse Mann, der alle
Endemiten auf seine Lebensliste setzte, bevor ihr das angetan wurde.

Die Erosion fegte die Schichten von Berg und Mensch weg,
das Wasser kämpfte sich dort hinunter, wo die geopolitischen Linien
in Karten eingezeichnet sind aber nicht durch die verstreuten Wellblechhäuser

von denen die dort leben, wo dieses Land aufhört
das zweigeteilt ist, wie der Mann, der jetzt das Land hasst, das er liebte,
und zu einem weiteren cimarrón wird, der Rache entfesselt

gegen einen Schmerz, eingeführt mit der Art, wie Geschichte erzählt wurde,
gerechtfertigt mit Symbolen und Zitaten, die behaupten, der Zufall
sei ein Privileg, Opfer und Versprechen würden von den Göttern gesegnet.

V

Die Vögel wissen, wo Land beginnt, aber nicht dass dies zwei Länder sind
oder woher der Sog der zivilen Liebe in jedem von ihnen kommt
noch fühlen sie sich dort verankert, wo sie geschlüpft sind.

Es gibt eine Ausnahme, die die Spannung zu spüren scheint,
die wie totes Vieh über Stämme, Kaziken, Invasoren,
Sklaven, Völkermord, Unabhängigkeit und autoritäre Regime geschleppt wurde.

Die Grauscheiteltangare bleibt an Ort und Stelle. Was weiss sie, was
wir nicht wissen? Wann wurde das ausgemacht? Haben Mütter versucht auch sie zu überreden?
Migration ist nur für jene, die Liebe, Frieden oder Nahrung suchen.

Ich war dort, wo die Klippe steil zu den zerklüfteten Felsen abfällt
mit derselben Gewalt und Unmittelbarkeit, die mit dem Schiff ankam,
Ranken, die um die Stämme herum und den Abhang runterkriechen

auf der Suche nach Wasser, wo Dolon hinuntersteigt, Liedern folgend,
Cúaa! eine Signalhupengeräusch, das Mark und Bein erschüttert
Cúaa! ein heiserer Ton im Innern der ersten Silbe, herausgelassen wie Schuld

nachdem der Mund sich öffnet und die Luft ausgeht. Sie werden ihn
in sieben Tagen finden, zerschmettert und erschlagen von gezackten Monolithen,
im ungestümsten Gelände dieses und jedes anderen Archipels

Sie werden nie vom Tod des anderen erfahren, seine Mutter und er.
Ich werde nie erfahren, ob er den letzten Vogel gesehen hat, bevor er fiel.
Ein seltener Geist, fast einen halben Meter lang,

ein schwarz-weisser Schwanz, der auf seine reptilienartigen Vorfahren verweist,
fast so lang wie der Rest seines Körpers,
ein kehliges Gebet, das an das Quaken von Fröschen erinnert

und das Blöken von Ziegen. Gelbe Irise, die dunkle Kugeln umgeben,
vielleicht weniger als zweihundert übrig, immer im Übergang
zwischen
trocken und nass, wie wir immer unentschieden zwischen Leben und Tod sind.

Ich bin, nur am Tag an dem ich sterbe;
bis dann
bin ich im Werden.

* Der Tirolí Markt ist ein informeller Markt zwischen Dominkaniern und Haitianern.
** Alle Marroons wissen, wie man rennt. Maroons wurden die Sklaven genannt, die von den Plantagen geflohen waren.

Aus dem Englischen von Pablo Haller

English version

 

Mario Davalos (*1978, Santo Domingo) ist Fotograf und Autor. Er bereist den Globus auf der Suche nach der transzendenten Natur und vielleicht nach sich selbst. Ausgebildet als Künstler an der Parsons School of Design in New York City, hat er das Auge eines abstrakten Malers und einen natürlichen Sinn für Komposition. 

www.mariodavalos.com

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