Drei Haiti-Gedichte

Von Hans Christoph Buch

HAITI-RAP

Eine Endlosschleife

L’insécurité – la vie chère
la misère – le ministère
le black out – les chimères
la corruption – les kidnappers
tontons macoutes – grands mangeurs
Cagoulards – bizangos
Zombis – zenglendos
Vampirs – Vlandingbingues
Dom Pétro – Macaya
Rite Congo – rite rada
Boukman – Bois Caiman
Roi Christophe – Dessalines
Cité Soleil – La Saline
Morgue publique – Morgue privée
Morne l’évèque – le fatra
L’insécurité – la Minustah
Aristide nan caca
Zozo – Cocoyé
Cocorat – cocomacaque
Malfini – kolibri
Cumberland – Kennedy
Dépot légal – démokrasi
Grande Brigitte – Baron Samedi
Damballa – Erzulie
Agoué – Maman Zimbie
Papa Legba – Cousin Zaca
Clairin Cay – Tafia
Bocor – Hounfort
Houngan – Hounssi
Jéhova – Jézu Marie
Évangile – liturgie
Ecole biblique – Parole bondié
Bouche sirop – bourique chagé
Barbelés – Armée d’Haiti
EDH – PNH
Compère Soleil – Amiral Zombi
Papa Doc – Mama Doc
Baby Doc – Général Namphy
Raoul Cédras – Prosper Avril
Poteau Mitan – Péristyle
Wanga négresse – rhum Barbancourt
Police couchée – nan carrefour
Tête chargée – grand goût
Pois congo – maïs moulu
Cochon marron – riz djondjon
Magouille – anoli
Gros nèg – petit blanc
Roche soleil – roche nan dlo
Têtes ensembles – tête boeuf
Sweet Mickey – Wyclef
Coupé Cloué – Racine Mapou
Rara – Beethoven Oba
Haitiano – Haitiando
Pensando – Buscando
Limonade – Marmelade

 

WAS FEHLT

Die Spitze des Seeigelstachels
in der Hornhaut des großen Zehs
der Vogel auf dem wie ein Bajonett
geformten Palmblatt – Mocking Bird oder Mme.
Sarah? Sonnenuntergang über den Blechdächern
von Cité Soleil – Wirkus I. aus Davenport, Iowa
white Voodoo-king on the island La Gonave
der unangekündigte Besuch von Louise Arbor
Menschenrechtsbeauftragte der Vereinten
Nationen, in Port-au-Prince, das Zicklein
das aus Betonritzen sprießendes Gras
abweidet mitten im Fünf-Uhr-Verkehr
die magere Kuh, die Plastiktüten wiederkäut
das schwarze Schwein auf der Müllhalde
dessen Vorfahren an Bord der Santa Maria
nach Hispaniola gelangten, die nackte
Negerin, die im Flussbett Büstenhalter
und Schlüpfer wäscht – ihre Vorfahren kamen
in Schiffsbäuchen angekettet hierher, Haitis
Gesundheitsminister, der ins Krankenhaus
eingeliefert wird mit Verdacht auf Malaria
tropica, die herabfallende Kokosnuss, die den
Trujillo-Attentäter erschlägt, Anacoanas Rache
man kann auch Montezuma sagen, Dünnschiss
oder Durchfall? Die alte Hamletfrage, Grass
spricht von Dünnpfiff, nicht zu vergessen
Monsier Hans, Schweizer Manager des Strand-
hotels Cyvadier bei Jacmel, der sich eine Kugel
in den Mund schoss auf seinem Meditationsfelsen
mit Blick auf die karibische See – guten Appetit
wünschen wir und machen weiter im Text mit
der ausgestopften Languste nein: Manguste
im Museum der Baptistenmission oberhalb
von Fermathe und den rosa Flamingos an der Bar
des Rotlichtbezirks von Carrefour: „Alles, was
Mr. Greene schrieb“, sagt Madame Odette, „ist
erstunken und erlogen, meine Mädchen kommen
aus guten Familien und wir sind ein anständiges
Haus!“ L’EXPLOSION DE LA ROUTE DU
RAIL – ein sprechender Titel, den Jean Rolin
in sein Tagebuch notiert, während die Boeing
737 auf dem Flug nach Fort Lauderdale
eine Zone von Turbulenzen durchquert:
“Please fasten your seatbelts now!”

Pétionville, Oktober 2006

 

TROMMEL-ORGIE

Eine Jam-Session

1

Der Neger mit der Trommel
Der Neger mit zwei Trommeln
Der Neger ohne Trommel
Die Trommel ohne Neger

2

Urwaldtrommel oder Buschfunk
Tamtam im Kaffernkral
Lockruf des Dschungels
Hatari am großen Fluß

3

Kongo- und Radatrommeln
Die Voodoo-Trommel Assotor
Der Intore-Krieger, der die Pauke schlägt
Einbaum, Nackenstütze, Königsthron

4

Das unter den Finger vibrierende Ziegenleder
Gegerbte Kuhhaut, geflecktes Leopardenfell
Affenbrotbaum oder Kameldornholz
Kohlpalme und Käsebaum

5

Die aus einem Stück geschnitzte Trommel
Hohle Bäume, in denen Geister wohnen
Baobab, Mapou oder Iroko-Baum
der Autos und Chauffeure frisst

6

Der Weiße mit der Negertrommel
Der Neger mit der Basstrommel
Der Mulatte, der Bongo spielt
Zwei Kubaner mit Conga-Trommeln

7

Der Russe mit der Stalinorgel
Die Chinesin am Triangel
Der Japaner mit der Pauke
Die Koreanerin am großen Gong

8

Die Blechtrommel aus der Wohngemeinschaft
Die Schamanentrommel aus dem Völkerkundemuseum
Die Gebetsmühle aus dem Bonzenkloster
Om Mani Padme hum

9

Gelobt sei, was die Ruhe stört
Gelobt sei, was Krach macht
Gelobt sei, was auf den Wecker geht
Und gegen den guten Geschmack verstößt

10

Putzeimer und Mülltonne
Schaufel und Besen
Suppenkelle und Klobürste
Waschbrett und Nudelholz

11

Dudeln versus Schrammeln
New Orleans versus Dixieland
Bix Beiderbecke versus Chris Barber
John Coltrane versus Dave Brubeck

12

Elvis Presley ja, Little Richard ja
Frank Sinatra nein, Dean Martin nein
Eric Dolphy ja, Gerry Mulligan ja
Chet Baker ja, Wynton Marsalis nein

 

Hans Christoph Buch  (*1944, Wetzlar). Er ist Erzähler, Essayist und Reporter und lebt in Berlin. Im Mittelpunkt von Buchs zahlreichen Veröffentlichungen stehen ein Romanzyklus über Haiti, wo sein Grossvater sich vor über hundert Jahren als Apotheker niederliess, sowie Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten. In der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen die Novelle „Tod in Habana“ (2007) sowie die Romane „Reise um die Welt in acht Nächten“ (2009), „Baron Samstag oder das Leben nach dem Tod“ (2013), „Elf Arten, das Eis zu brechen“(2016), „Stillleben mit Totenkopf“ (2018) und die Essaybände „Boat People – Literatur als Geisterschiff“ (2014) und „Tunnel über der Spree. Traumpfade der Literatur“ (2019).

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