Der Stern Wermut (Ausschnitt)

Von Jacques Stephen Alexis

… und es fiel ein großer Stern vom Himmel,
der brannte wie eine Fackel und fiel
auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen.
Und der Name des Sterns heißt Wermut.
Und der dritte Teil der Wasser wurde zu Wermut,
und viele Menschen starben von den Wassern,
weil sie bitter geworden waren …

Offenbarung des Johannes

 

Infrarot

Im Glockenturm von Sainte-Anne schlägt es ein Uhr. Die karibische Sonne ist ein infraroter Vogel, ein Wundervogel, der Rabatz macht inmitten des Himmels, sich langsam neigt und dann wütend, flammend hinabstürzt, ein Feder-Blitzregen. [Lücke im Manuskript] ein schlafwandelndes, seiltanzendes Tier, Heilige Kuh irgendeines verrückten Gotts, doch noch will nichts erscheinen, als sie, voller Angst, durch das Autofenster nichts weiter erblickt als die zerraufte Flucht der Fassaden entlang der Allee, ergriffen von einer saltatorischen Erregung, die eine nach der anderen erfasst, verzerrt, zerrüttet, zerreißt, sie immer weiter fort in die Tiefe, in den Schwindel hinab, an den Rand der Trunkenheit, an die Zähne des Rauschs heranzieht, an diesen bereits dämmernden Ort – weder Wach- noch Schlafzustand –, an diesen hufscharrenden und kichernden Ort, der bald nur noch im Vergessen, im Verließ des Gedächtnisses, knapp unter dem Bewusstsein, im Speicher der Erinnerungen, im Zollamt der Intuition oder Illusion oder womöglich – Jawohl, geschafft! Victoria! – bei der Gepäckaufbewahrung des Vergessens aufgegeben ist: La Frontière der Niña Estrellita1.

In dem rosa Kleidchen, das sie schmückt, sitzt Églantine gekrümmt, in sich zusammengekauert da. Sie fühlt sich wie ein unter Strom stehender, lebendiger Ball, eine um einen furchigen Kern zusammengeschrumpelte Frucht, die an ihr zerrende Hochspannungsliebe, die sie so schmerzt, zerzaust, verbrennt, erleuchtet. Der Raum, den der Bolide verschlingt, verwandelt sich in Zeit. Jedes Haus, das die Geschwindigkeit fortzerrt, auseinandernimmt, fortwirft und im geheimen Winkel ihrer Augen ertränkt, ist eine nie wieder auffindbare Sekunde. Jeder Augenblick macht aus ihrem Abschied einen zunehmend unumkehrbaren Akt. Die Häuser scheinen zu fliehen und verbleiben doch, angewurzelt, an Ort und Stelle … Es ist die wiedergefundene Églantine, die ein Entkommen – Flucht und erneute Flucht –, eine Liebespanik erst aufleuchten lässt und dann, blendend und geblendet, herzenswarm an einen Ort entführt, von dem sie sich läuternde Fluten verspricht.

An der Ecke zwischen Rue Pavée und Avenue Républicaine muss der Plymouth, um einem anderen Taxi auszuweichen, heftig bremsen. Auf den Wink des Verkehrspolizisten wartend, schnauzen sich die beiden Fahrer freundlich an.

„Deine Schwester! – Wichser!“

„Deine Mutter! … Hupen war wohl nicht drin, was? Hornochse!“

Der Hampelmann in Khaki und Leder, der da auf dem Betonpodest unter seinem ausgeblichenen Sonnenschutz steht, bringt den Streit mit einem Pfiff zum Erliegen. Er hebt die linke Hand, dann führt die mit einem weißen Lederhandschuh bekleideten Rechte eine Propellerbewegung aus. Gleich fliegt er davon …

Die Autos fahren an. Auf dem Bürgersteig schlurft eine dünngesäte Menge von Tagelöhnern vor sich hin: Schuhputzer, Süßwaren-, Back- und Brotwarenverkäufer, Spitzenkragen- und Kurzwaren-, Eisenwaren- und Billigwarenverkäuferinnen stärken sich hinter den Ständen und rufen dem Kunden zu, der der Mittagstunde wegen selten ist. An der Ecke Rue Miracle reißt der Fahrer, ein echter Raser, mit gestreckten Armen das Lenkrad herum, zeichnet Ratsch! eine waghalsige Kurve nach und biegt so in die fast leere Straße ein. Der Wagen verschlingt die Straße, biegt noch einmal ab und hält dann vor dem Bürgersteig der Place Geffrard, wo zwei Kinder heftig vor sich hin fuchteln. Die Reifen schleifen und kreischen.

„Da wären wir! Die Pension Colibri!“

Der Taxifahrer wirft einen Blick auf Églantine, diese aber scheint nicht recht zu begreifen, also steigt der Fahrer aus, öffnet die Tür, greift nach den Koffern und wartet geduldig ab … Bis sich Églantine schließlich rührt, aufrafft und streckt, dann aussteigt und dem Fahrer mit krampfigem Schritt folgt.

Ein Korridor, eine Tür. Ein Speisesaal, in dem die Gäste die Köpfe heben und die gerade Eingetroffenen mustern. Von einer Art Hochsitz aus wacht eine leicht ergraute Dame verstohlen über die Dinge, die sich in den niederen Gefilden abspielen.

Madam‘ Chatard! Hier, eine Mieterin! Madam‘ Chatard! Ich habe Ihnen eine Kundin besorgt!“

Der Fahrer windet sich in freudiger Erwartung seiner Belohnung.

Die Wirtin hebt die Lider, lächelt: „Und, für wie lange? … ein paar Tage? … Der Monat macht dreißig Dollar, alles inklusive.“

Églantine ist überfragt. Ja, wie lange wird sie wohl bleiben? Ohne große Überzeugung erwidert sie: „Vierzehn Tage, vielleicht auch länger … Geht das auch zum Monatspreis?“

„Zahlen Sie denn im Voraus?“

Églantine öffnet ihre Handtasche, zieht fünfzehn Dollar hervor und legt sie wortlos auf den Tresen.

„Félicia! Wo steckst du nur? … Félicia!“

Flugs ist Félicia bei Madame Chatard. Félicia ist eine junge Frau mit rundem, verschmitztem Gesicht und lila-braunem Sternapfel-Teint. Die Augen wach, heiter. Sie trägt ein zu enges Kleid aus blauem Jeansstoff und eine schmuddelige weiße Schürze, barfuß, keck und elegant steht sie da, in vollem Bewusstsein ihrer Wirkung.

„Madame Chatard?“

„Hast du das Kingston-Zimmer in Ordnung gebracht?“

„Ja, Madame Chatard, alles bereit …“

Madame Chatard, die Wirtin der Pension Colibri, kennt ihre Kundschaft nur zu gut; bescheidene Leute aus der gesamten Karibik im Allgemeinen – kleine Geschäftsleute, ein paar Handlungsreisende, Facharbeiter, Boxer, exilierte Politiker, alle möglichen Abenteurer und Abenteurerinnen des gleichen Schlags. Insgesamt eine recht verdächtige Mischung. Die sechzehn Zimmer der Pension tragen die Namen der wichtigsten Städte der Karibik: San Juan de Puerto Rico, Port of Spain, Kingston, Havanna, Port-au-Prince, Oriente, Cienfuegos, Gonaïves, Santiago de los Caballeros, Santo Domingo, Aruba, und so weiter … Bei der Kundschaft der dürftig geführten Pension kommt das gut an. Églantine zahlt den Fahrer und legt auf die Fahrtkosten ein großzügiges Trinkgeld drauf. Der Chauffeur grinst, grüßt seine Kundin, indem er mit den Fingern an die Schläfe tippt, und steckt dann die Nase in den Sauersack-Saft, den Madame Chatard ihm serviert hat, während er auf die Provision wartet, die ihm für die Kundenvermittlung zusteht. Madame Chatard zahlt den Fahrern, die ihr Kunden besorgen, je zwei Dollar. Zwei Dollar pro Pensionsgast und Monat; unser Mann hier hat heute also ohne viel Aufwand einen Dollar verdient, das eben erhaltene Trinkgeld noch gar nicht eingerechnet. Er grinst erneut. Diese Art Geschäft lohnt sich wirklich. Ein echtes Kinderspiel! Geruhsam schlürft er an seinem Saft, bevor er sich auf die Jagd nach dem nächsten Kunden begibt. Der Tag fängt gut an.

1 Die Niña Estrellita (span. Niña: Mädchen; Estrellita: kleiner Stern) ist die Protagonistin aus J-S Alexis Roman L’Espace d’un cillement (1959). Eine kubanische Prostituierte, die sich in einem Bordell am Rande von Port-au-Prince ihren Lebensunterhalt verdient und dort auf den ebenfalls kubanischen Gewerkschaftler Caucho trifft. Eine deutsche Übersetzung von Thomas Dobberkau erschien 1985 unter dem Titel Die Mulattin.

Aus dem Französischen von Rike Bolte

„Der Stern Wermut“ erscheint im Herbst 2021 im Litradukt-Verlag.

Version française

Jacques Stephen Alexis (*22. April 1922, Gonaïves, Haiti) wurde im April 1961 bei der Rückkehr ins Land seiner Geburt ermordet. Er war Intellektueller, Reisender und Kommunist, traf unter anderem Chruschtschow, Ho Chi Minh und Mao. Alexis veröffentlichte zahlreiche Werke, die ihn zur Galionsfigur der haitianischen Literatur machen, wie etwa sein Romandebüt „General Sonne“ (1955).

Der Beitrag „Die Windpassage“ von Éric Sarner befasst sich mit dem politischen Leben und der Ermordung von Jacques Stephen Alexis.

„L’étoile absinthe“ ist die Fortsetzung des Romans „L’espace d’un cillement“ (Deutsch „Die Mulattin“, übersetzt von Thomas Dobberkau), die erst 2017 aus Alexis‘ Nachlass veröffentlicht wurde.

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