Themenpark Kuba. Eine „Mockumentary“

Von José Aníbal Campos

TAGEBUCHEINTRAG

Wien, 23. März 2028

Wie jeden Tag sitze ich in der Küche, setze Kaffee auf und checke die Mails, bevor ich ins Büro gehe, um an der Übersetzung des neuen Buches von Rezzori weiterzuarbeiten. Es ist der 25. Titel, den ich von diesem Autor übersetze! Von Grisha! Die Vertrautheit mit seinem Werk lässt mich im Geiste, manchmal unwillkürlich, die Vertrautheit mit seiner (toten) Person erahnen, eine Vertrautheit, die ich vielleicht nie wollte, wenn ich ihm tatsächlich begegnet wäre als er noch lebte. Oder vielleicht doch. Wenn es etwas Grosses an Rezzori gibt, wenn es etwas gibt, das ich absolut bewundere, dann ist es seine schonungslose Analyse der fiktiven Welten, die uns die Mächtigen seit jeher errichtet haben, von der Kunst, über die Schriftstellerei oder die Philosophie bis hin zu allem, was unser tägliches Leben bedingt. Abstraktion ist Rezzoris Lieblingsziel, jede Form von Abstraktion.

Kurzum, das ist mein 25. Buch von diesem Autor: Was mit dem Verlag „Sexto Piso“ begann, ist nun im Gebäude der spanischsprachigen Publikationen drei Stockwerke aufgestiegen. Der ehemalige „Sexto Piso“ heisst jetzt „Novena Planta“, hat seinen Sitz nicht mehr in Madrid, sondern in Dubai und ist in einer grossen Verlagsgruppe aufgegangen, Planet, die mich zumindest vom Klang her an jene andere Verlagsgruppe aus der nun so fernen Vergangenheit erinnert, die mich heute morgen besucht und die gehäuften, noch koffeinlosen Gedanken dieses müden Übersetzers verändert.

Ich beginne in einer der Zeitschriften zu blättern, die ich abonniert habe. Ich liebe Reiseberichte. Aber gerade der hier ist eine Klasse für sich. Ein Reisebericht, in dem der Autor aufgibt und seine langjährige Stelle bei einem Weltmagazin kündigt?

Ich lese, schneide aus und füge ein:

DIE STATISTENINSEL

Von Josef H. Felder

„Es sind genau solche subversiven Aktionen, die uns daran hindern, dieses Projekt durchzuführen, das so grosse Vorteile für unser glorreiches Volk und seine schon fast siebzig Jahre alte und unbesiegte Revolution haben wird“, sagt mir der Ingenieur E. R. (auf ausdrücklichen Wunsch aller Involvierten wurden die Namen unkenntlich gemacht), während er in der stickigen Luft dieses Havannasommers Flugblätter über Dismaland verteilt, die Protestaktion, die der britische Graffitikünstler Banksy diesen Herbst in Kuba geplant hat. E.R. ist einer der obersten Staatsbeamten, die für Planung und Bau von Revolutionland verantwortlich sind, dem Megaprojekt, das die aktuelle kubanische Regierung konzipiert hat, um die Insel in einen gigantischen Themenpark umzuwandeln, dessen zweite Etappe im Januar 2029 beginnen soll, just zum 70. Jahrestag des Triumphs der Rebellen eines nun hundertjährigen Fidel Castro.

Auf Einladung einer Gruppe kubanischer Künstler und Exilanten hat Banksy zugestimmt, seine erfolgreiche Kunstaktion von 2015 im Weston-super-Mare zu wiederholen, als Protest gegen das, was allgemein als „deprimierende Frivolisierung“ der Geschichte eines karibischen Landes empfunden wird und die radikalsten kubanischen Exilkreise als „schamlose Komplizenschaft mit dem Castroregime“ bezeichnen.

Auf die Frage nach den Vorteilen von Revolutionland antwortet E.R. mit einer Mischung aus leidenschaftlicher Überzeugung sowie Partei- und Betriebswirtschaftsrhetorik: „Sehen Sie, Revolutionland garantiert Vollbeschäftigung für alle Kubaner im Dienstleistungssektor. Und zwar nicht bloss in den traditionellen Rollen von Kellnern, Reinigungskräften oder Lieferanten von Konsumgütern für Hotelanlagen, sondern auch als Schauspieler und Statisten in einer gigantischen und massiven Inszenierung unserer Geschichte. Aus kultureller Sicht ist es also ein moderner und effektiver Weg (auch in wirtschaftlicher Hinsicht), um unsere Traditionen zu präsentieren und das Bildungsniveau nicht nur unseres mutigen und kultivierten Volkes zu erhöhen, sondern auch einer von den grossen Medienkonzernen über die revolutionäre Geschichte Kubas fehlinformierten Welt.“

Die erste Phase des Projekts begann vor etwa zehn Jahren, als die Disney Cruise Line ein Millionen-Dollar-Abkommen mit den kubanischen Behörden unterzeichnete, um ihre Vergnügungsreisen zur Privatinsel Castaway Cay auf das auszudehnen, was damals Isla de la Juventud genannt wurde und heute wieder unter seinem ursprünglichen Namen Isla de Pinos oder Pine Island bekannt ist. Die Wahl der letztgenannten Insel hatte auch einen eminent symbolischen Charakter. Präsident Barack Obamas historischer Besuch in Kuba im März 2016 trug viel zur etwas dunklen Geschichte dieses südlich der heutigen Provinz Artemis gelegenen Gebiets bei (griechische Mythen leben, leicht verklärt, noch immer in den Herzen vieler Kubaner).

Die Isle of Pines ist vor allem für ihre Modellhaftanstalt bekannt. Eingeweiht im Februar 1928 nach dem Vorbild des vom utilitaristischen Philosophen Jeremy Bentham gegen Ende des 18. Jahrhunderts konzipierten Panoptikums, ist sein Bau auch mit dem ersten (und für mehr als acht Jahrzehnte einzigen) Besuch eines amerikanischen Präsidenten auf der Insel verbunden: Im Januar 1928 besuchte der Republikaner Calvin Coolidge Havanna, um an der 6. internationalen Konferenz der amerikanischen Staaten teilzunehmen Sein Besuch löste ein Baufieber aus, dem noch heute emblematische Werke wie das Kapitol (nach dem Vorbild Washingtons) oder der Central Highway zu verdanken sind. Obwohl seine Amtszeit von einer Phase grosser wirtschaftlicher Prosperität für die Insel geprägt war, ist der ehemalige kubanische Präsident Machado wegen der systematischen und rücksichtslosen Unterdrückung seiner Gegner als „Esel mit Klauen“ in die offizielle kubanische Geschichte eingegangen.

„Die Geschichte Kubas ist wie ein historisches Labor im Zeitraffer“, sagt A. B. C., Mitglied der Gruppe „Los Nuevos“ (oder „Deniú-Guáns“, phonetische Verformung von „The New Ones“), die aus kubanisch-amerikanischen Historikern besteht, die fast alle akademische Abschlüsse amerikanischer Universitäten besitzen und vorübergehend auf ihre Heimatinsel zurückgekehrt sind, um das multidisziplinäre Team zu ergänzen, das für die Schaffung von Revolutionland verantwortlich ist. „Um die Geschichte nicht zu lang werden zu lassen, beginnen wir mit Machado selbst, dem Sohn eines bescheidenen kanarischen Bauern von der Insel La Palma, der sich lange Zeit ausschliesslich dem Viehdiebstahl widmete. Machado ist ein gutes Beispiel für das jahrzehntelang missverstandene Konzept von Che Guevara des kubanischen neuen Menschen, oder sagen wir besser: cuban selfmade-man. Vom Viehdieb zum General des Unabhängigkeitskrieges, dann Innenminister und schliesslich Präsident der Republik, sagen Sie mir, ob das nicht ein grosser Verdienst ist! Die evolutionären Geschichtstheorien, die wir aus dem Westen gelernt haben, können sich einen solch dramatischen Sprung in der Ausbildung einer Persönlichkeit nicht vorstellen“, sagt A. B. C. mit Nachdruck, aber mit einer korrekten Hybrid-Haltung, die seiner binationalen Erziehung sehr entgegenkommt: die rechte Hand ruhig auf dem Rücken ruhend, die linke in einer permanent gestikulierenden Arabeske, die seine extrovertierten karibischen Gene verrät. Sein langer Monolog ist auch ein guter Indikator für sein kubanisches Erbe:

„Machado war zweifelsohne in vielerlei Hinsicht ein Revolutionär. Aber sagen wir es in biologischen Begriffen: In unserem Konzept des Homo cubensis und seiner historischen Evolution im Zeitraffer reproduziert das (r)evolutionäre Kuba fast buchstabengetreu jenen kleinen big bang, der der Ursprung allen Lebens ist: Sobald die notwendigen Elemente versammelt sind, kommt es zu einer scheinbar zerstörerischen Explosion, die eine Reihe neuer Elemente hervorbringt und damit zum Generator neuen Lebens wird, new life. Und so weiter. Denken Sie daran, dass Machado gestürzt und in wenigen Jahren durch einen anderen Revolutionär, Fulgencio Batista, ersetzt wurde, der wiederum gestürzt und durch denjenigen ersetzt wurde, der heute der historische Führer (Pensionär) der kubanischen Revolution ist, Fidel Castro, der wiederum durch seinen Bruder und dann durch seinen Neffen und bald auch durch eines seiner Enkelkinder ersetzt wurde. Daher unsere Theorie der „kreativen Verschleierung“. Es könnte für Sie als ausländischer Journalist interessant sein, den Aufsatz „Suplantación y vanguardia“ meines lieben Schriftstellerkollegen C.A.C.A. zu konsultieren.

„In diesem Sinne ist die Wahl der Isla de la Juventud für die erste Phase von Revolutionland nicht so zufällig, wie es scheint. Erinnern Sie sich daran, dass Fidel Castro selbst Ende 1953 als politischer Gefangener in die Modellhaftanstalt kam, verurteilt wegen des Angriffs auf die Moncadakaserne. Jahrzehntelang verbreitete die offizielle kubanische Geschichtsschreibung den Mythos, dass der Kommandant Castro dort „Das Kapital“ von Marx las und damit den kommunistischen Kurs einleitete, den seine langjährige Regierung später einschlagen sollte. Unsere Nachforschungen haben jedoch gezeigt, dass Castro in seiner Faszination für Benthams architektonisches Konzept während dieser wenigen Monate im Gefängnis in das Studium der Ideen des englischen Philosophen (den Marx übrigens zweimal in seinem grossen Werk erwähnt) und in die Frage vertieft war, wie man dieses „Gefühl der unsichtbaren Allwissenheit“ am besten in einer zukünftigen Gesellschaft anwenden könnte.“

„Aber war das nicht der Leitgedanke so vieler Jahre der Überwachung, die darauf abzielte, die kubanische Bevölkerung durch zu „Agenten“ stilisierte Whistleblower zu kontrollieren“, frage ich den begeisterten new historian.

„Richtig, richtig, Sie haben Recht. Es wurden im Laufe der Jahre viele Fehler gemacht; aber in diesem Sinne sind die aktuellen Vereinbarungen der kubanischen Regierung mit Google gekommen, um die Exzesse der Vergangenheit wieder gut zu machen. Es gibt keinen Grund mehr, solche Persönlichkeitsimitationen auf die Spitze zu treiben, mit ihren schwerwiegenden Folgen für die psychische Gesundheit der Beobachteten und der Beobachter. Jetzt genügt ein Klick“, sagt der Historiker, ein sarkastisches Kichern unterdrückend, das einige patinierte Zähne, grün wie Dollarscheine, zum Vorschein bringt. Die Einnahmen aus seinen Beratungen zu diesem Thema belaufen sich auf 5.000 Dollar im Monat.

Ich verlasse die Hauptstadt Kubas und reise auf die Isla de Pinos, um mir in situ den Fortschritt dessen anzusehen, was ein zukünftiges Kuba sein soll, wohlhabend und voll integriert in das Konzert aller Nationen. Die Sonne, die auf dieser Insel allgegenwärtig ist wie eine kinematographische Beleuchtungspistole, die jemand vergessen hat abzuschalten (man glaubt, dass sie auch nachts eingeschaltet ist), wird von einigen grauen Wattewolken verdeckt, die Schlieren von schmutzigem Silber zeigen. Ich werde von Jorge (alias „Jorgito el Lúbrico“, der Schlüpfrige) begleitet, einem netten und freundlichen Kerl, der seinen Spitznamen seiner Vorliebe für Aquarelle mit erotischen Themen verdankt. Jorge ist, wie alle guten Kubaner, spanischer Herkunft in zweiter Generation, und nach langen Jahren im Mutterland, in denen er heimlich für die kubanische Regierung in verschiedenen Funktionen gearbeitet hat („als Agent“, sagt er uns), wurde seine Karriere mit der Position des Chefreiseleiters der ersten Phase von Revolutionland gekrönt. Aus seinen Jahren in Europa hat er sich seine kosmopolitische Unbekümmertheit und sein angenehmes und fliessendes Plaudern in verschiedenen Sprachen bewahrt.

Jorge stellt uns eine unendliche Anzahl von Attraktionen vor, die sich auf der Insel bereits etabliert haben. Da es aber schon Mittagszeit ist, lädt er mich in das Themenrestaurant El cerdo amputado ein. Der Name des Restaurants geht auf eine urbane Legende zurück, die in den 1990er Jahren in Kuba kursierte, zu einer Zeit, als die kubanische Regierung von der „Sonderperiode in Zeiten des Friedens“ sprach. Eine Geschichte, die von der „unbestreitbaren Noblesse dieses Volkes“ spricht, wie mir Jorge erzählt:

Es wird gesagt, dass in jener Zeit grosser wirtschaftlicher Schwierigkeiten eine kubanische Familie ein ganzes Jahr damit verbrachte, ein Schwein in einer Badewanne aufzuziehen. Da es sich um eine grosse Familie handelte, die in einer kleinen Wohnung zusammengepfercht war, einigten sie sich mit dem Nachbarn gegenüber, einem alleinstehenden Mann ohne Familie, dass das Schwein in seiner Badewanne aufgezogen werden sollte. Im Gegenzug würde der Nachbar am Ende des Jahres – pünktlich zu den grossen Festen, die die Kubaner mit grossen heimlichen Festessen mit gebratenem Schweinefleisch, Bohnen, Reis und frittierten Kochbananenchips feiern – einen Teil des bereits gemästeten Tieres erhalten. Doch dann traf ein schicksalhafter Brief ein: die Nachricht, dass einige Exil-Verwandte in den Vereinigten Staaten im Oktober zum ersten Mal Havanna besuchen würden, zwei Monate vor der geplanten Schlachtung des edlen Tieres. Bekanntlich war das Würdeempfinden des Kubaners zu dieser Zeit noch fast so gross wie sein revolutionärer Geist. „Lass Pepito und Carmelina kommen, sie haben nichts auf dem Tisch“, rief Paca, die Gastgeberin, als sie die Nachricht erhielt und raufte sich die Haare. Die Entscheidung, einstimmig, wurde schnell innerhalb der Familie getroffen. Ein Tierarzt, ein Freund des Vaters, wurde hinzugezogen, um eine schnelle und sehr riskante Operation durchzuführen, um ein Schweinebein zu amputieren und es gleichzeitig bis Dezember am Leben zu erhalten. So konnte die besagte Familie ihren Verwandten in Florida ein saftiges Abendessen mit einer saftigen Schweinekeule anbieten (medium rare, mit Blutfäden, die noch durch die rosafarbenen Fäden der Wildschweinmuskulatur zogen …), ohne ihre Verpflichtungen gegenüber der Familie und der Nachbarschaft bis zum Jahresende zu verletzten.

Der Hauptraum von El cerdo amputado ist nun meist von mehreren Gruppen amerikanischer high schoolers besetzt, die in einer Mischung aus Erröten, Entsetzen und Spass dem Ritual des amputierten Schweins beiwohnen, dessen Fleisch sie in wenigen Minuten geniessen können, serviert mit frittierten Gemüsebananenchips und weissem Reis. Justa, die Besitzerin des Lokals, erzählt uns: „Wir haben drei Tierärzte im Dienst. Die Operationen werden in Übereinstimmung mit allen international anerkannten Hygienestandards durchgeführt“. Megan, eine freundliche Blondine aus dem Mittleren Westen, zeigt stolz ihre langen, durchtrainierten, larvenfarbenen Beine – vorne mittlerweile leicht gerötet, nachdem sie mehrere Stunden auf dem schwarzen Sand des Strandes von Bibijagua gelegen hat (ihre Aufregung beim Sprechen, ihre Begeisterung darüber, in Kuba zu sein und mit ihrem sweet heart Miguel, einem attraktiven Mulatten von der Isla de Pinos, Sex zu haben, erinnert an das Kribbeln im Körper, das durch den Biss jenes „endemischen“ Insekts der Insel, der Bibijagua, wissenschaftlicher Name Atta insularis, verursacht wird), ergreift stellvertretend für die Gruppe der Oberschüler das Wort: „I’m so excited!“, sagt sie uns. „It’s a big experience! Big, big, big, b …!“, fügt sie hinzu, aber ihr letztes „big“ wird unter dem ergreifenden Refrain der Pointer Sisters begraben, der aus einem Lautsprecher kommt: „I’m so excited, and I just can’t hide it! …“.

„Das ist die Zukunft, die future, l’avenir, el futuro, il futuro“, sagt der polyglotte Jorge. „Die Pläne sind grossartig“, fügt der Kubaner katalanischer Abstammung hinzu (der Familienlegende nach – die uns der aquarellistische Führer mit schmierigem Stolz erzählt – war einer seiner Vorfahren ein katalanischer Sklaventreiber, der im 19. Jahrhundert sein Vermögen mit dem Transport von Sklaven von der afrikanischen Küste auf die Insel Kuba machte). „Denken Sie daran, dass es auf dieser Insel jedes Jahr ein riesiges Fest zum Gedenken an den amerikanischen Bürgerkrieg gibt, und alle schwarzen Statisten sind Kubaner, was das Problem der Temporärarbeit löst! Es gibt sogar Pläne (und sagen Sie das nicht zu laut), die Kukurucho-Attraktion zu schaffen, mit der Ku-Klux-Klan-Mitglieder auf die Isla de Pinos reisen und ohne Angst vor der Härte der amerikanischen Justiz an Schwarzenjagden teilnehmen können… (Nun, darauf bauen die zukünftigen Musterverträge auf: Unsere Bürger müssen vor jeglichen Exzessen geschützt werden, deshalb bestimmt eine Expertenkommission, welche Arten von Schlägen ohne Gefahr für die Gesundheit der kubanischen Statisten gegeben werden können, wann einer der Stunts ohne Lebensgefahr an einem Baum aufgehängt werden kann. Es gibt Tausende und Abertausende von Ärzten, die daran beteiligt sind, und dabei hat uns das visionäre Programm zur Ausbildung von Ärzten, das die Revolution geschaffen hat, sehr geholfen, und ich denke, ausserdem …“

ENDE

Die Wahrheit ist, dass ich als Journalist meinen Lesern gestehen muss, dass ich Jorge nicht mehr zuhören wollte. Der Nachmittag versprach wieder eine Fülle von originellen Projekten. Der Besuchsplan war schon von den Titeln her verlockend. Aber, ich gestehe es, ich wollte nicht weitergehen.

Und ich gestehe noch etwas. Ich habe versagt. Ich bin müde.

Deshalb nutze ich diesen Artikel, um mich von dieser Zeitschrift zu verabschieden, um formell von meiner Position als Autor internationaler Berichte in dieser Publikation zurückzutreten.

Uff. Auch ich bin müde. Diese Welt der Abstraktionen, in der ich zum Handeln verurteilt bin, nimmt meine ganze Energie in Anspruch, die ich gut für etwas anderes einsetzen könnte. Aber ich bin ein freiberuflicher Übersetzer. Ich habe Rechnungen zu bezahlen. Der Kaffee ist fertig. Also, eine gute Tasse und ab an den Schreibtisch! Rezzori wartet auf mich. Ich schliesse das Magazin. Auf der hinteren Umschlagseite, eine ganzseitige Anzeige. Fidel Castros junger Enkel schenkt einer alternden Paris Hilton eine riesige kubanische Zigarre, die mit falscher Errötung lächelt in ihrer Tarnuniform, wie sie für weibliche Kämpfer im Islamischen Staat üblich ist. Das Motto der Anzeige lautet: „Viel Spass, der Rest ist Rauch!“

Aus dem Spanischen von Pablo Haller

Versión en Español

Foto: Barbara Halapier

José Aníbal Campos (*1965, Havanna). Kubanisch-spanischer Germanist, Essayist und Literaturübersetzer wohnhaft in Lugo und Wien. Hat etwa 100 Bücher deutschsprachiger Literatur übersetzt. Seit 2007 der spanische Übersetzer des Schweizer Peter Stamm. Ist der Herausgeber der Anthologie „Una temporada en el Danubio. Paul Celan en Viena (1947-1948)“, Verlag La Moderna, Extremadura 2020. Benutzt die Kunst der Collage als Arbeitstherapie.

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