Clockwork Selva

Von Pirmin Bossart

Ich, Robert Müller,
kehre in den Wald zurück
vier Uhr morgens auf dem Mondpfad
in die Lichtung
zum Gelispel der Träume

Magen geleert mit Wayusi Tee
In der offenen Hütte
mitten im Wald
in die Gebüsche gekotzt
und dann in die Runde zurückgekehrt
mit Fetzen von Traumgespinsten
flackern die Silhouetten von Menschen
im Herdfeuer

Einer nach dem andern
erzählt seinen Traum
und der Schamane
der ihn deutet
ist am hellen Tag
nicht wichtiger als alles andere

*

Ich, Robert Müller, bin zurückgekehrt
betrete die Bewusstseinskammer der Tropen
an Silvesterabend 2019
und sehe die kleine Gruppe
aus dem Reich der Wohlhabenden
in das es mich hineingespickt hat

Sie tanzen zum Amazonia Sound
aus scheppernden Lautsprechern
ihre spirituellen Wellen und
trinken Chica aus den Schalen
die ihnen die Indigenas reichen
der säuerliche Alk des Waldes
den die Männer
wortlos in sich hineinschlürfen

Geeshan, der Waldläufer,
sitzt am Rand der Versammlung
schnitzt Mond und Sonne in den Stock
schwärzt die Kerbungen mit dem Feuerzeug
zum magischen Stick
am Vorabend der Zeremonie

*

Meditiere im Wald
auf einem Bett aus Blättern
am Wegesrand zurückgelassen
und doch verbunden
mit den Freunden
mit dem Wald
mit der Erde
mit dem Kleinen und dem Grossen
mit dem Unablässigen und dem Ruhenden

Schmore die Energien einer Fragestellung
für das Pflanzenritual
in das ich am Abend eintreten werde
zermantschte Liane im
Bodensatz des Bechers –
the spirit of natem

Die Geräusche des Waldes
stimmen mich gelassen
Mückenschwärme werden Ahnengeister
und auch die Ikonen der Zuflucht
aus dem katholisch-buddhistisch-animistischen Pantheon
der spirituellen Vollnarkose
melden sich mit einem Mundwinkel Lächeln
in ihre Existenz zurück,
spüre wie geborgen ich
selbst im tiefsten Moder der Verrottung sein werde

bin ready und weiss,
der Zeitpunkt ist gekommen

Der Baumstrunk vor meinen Augen
ist Lord Ganeesh, mein Wächter,
Der indische Elefantengott
sitzt auch in Ecuador am Wegesrand
von Moos bedeckt
Sein rechtes Auge blickt mich an
in Güte und Schelmenruhe
und das Geflirr der tausend Klänge
wird ein Energiestrom der Ruhe

*

Ich, Robert Müller,
bin die Zelle eines Organismus
der unsichtbar und unhörbar
In dir heranwächst
von dir Besitz ergreift
Dich reich bescheren wird,
wenn du bereit bist
das Unerwartete
willkommen zu heissen

Trink mich
Kotz mich
Verwandle mich

Mit dem abrupten Einfall der Nacht
liegen die Leiber da,
ein gelegentliches Wimmern und Stöhnen
begleitet die halluzinativen Salven

Bewusstseinsräusche sind
ein Bewusstseinsrauschen

Die Soundmatrix des Waldes
ist das Uhrwerk der Zeit
und das Kambium des Raumes

Die Membrane ist dünn
die eine Körperzelle von einer Galaxie trennt

*

Ich, Robert Müller,
höre die Klanggebilde
aus dem Wald-Geticker
rundherum
die das Hier und Jetzt
des Universums bauen,
Tausende von Insekten
in glasklaren Nuancen
und jedes Geräusch
und jede Melodielinie
flicht sich schlüssig
ins Gewebe der Welt und
formt auch den Tiegel der Geborgenheit
aus dem die visuellen Ereignisse dampfen

Raumschiff aus Echsenhaut
in dem ich mich bewege
Jaguaraugen starren für Sekunden
aus der Soundmatrix
Ich spüre, da ist ein Tier im Raum
aber es macht mir keine Angst

Und sie horchen hinein
in den Sound des Waldes
ihrer Geister

Das Uhrwerk der Geräusche
wird zum Rechenzentrum des Universums,
Quanten-Billiarden von Informationen werden
hier jede Nanosekunde verwoben
und formen die feinsten Regungen im Universum
und den Weltenlauf,
von der Baumrinde zum Mikrochip
durch alle Urwälder, Metropolen,
Kultur-Mixturen und Sapiens-Imaginationen
bis zum Space der Planeten, Galaxien und Universen

Geeshan liegt bis morgen 5 Uhr draussen
auf dem Waldboden
von optischen Bändern
und bizarren Visionen heimgesucht,
die durch seinen Geistkörper wabern
während alle anderen um Mitternacht
in benommener Andacht
wie greise Ministranten
zu ihren Pritschen zurückgeführt werden

*

Auf schmierigen Pfaden zum Fluss
Die Reise geht weiter
im langen Kanu zur Abflugpiste
viel Holz treibt im Wasser
der Motor brüllt
vorüber an langen Sandbänken
ein Reiher im Ufer-Geäst
hebt ab
lautlos
und wir zu Fuss
in den Wald hinein
Stiefel glucksen im Schlamm

Weit oben in der Baumkrone
öffnet sich ein Spalt Himmel
Termiten-Nester an den Stämmen
Die Wurzeln des Kapa Baumes sind haushohe Wände,
faltige Drachenzehen von Lianensträngen behangen

Ich, Robert Müller,
posiere mit der Gruppe
vor dem alten Riesen für ein Foto
Man sieht mich rechts aussen
mit dem Tropenhemd aus dem Jahr 1915
Sieh nur, ich war dort,
von wo ich nie geschrieben habe

*

In der ewigen Wiederkehr der Tropen
Ist das Leben eine Piste
die ein paar Tagesreisen
in den Wald hinein führt
und dann endet

 

Pirmin Bossart (1956* in Schötz/LU) lebt in Luzern, ist als Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine tätig. Er hat an mehreren Publikationen mitgewirkt und 2016 mit „Trip 77“ sein erstes Buch veröffentlicht. Seine persönlichen Texte sind gespiesen von Asienreisen, Science-Fiction, Zen, Natur und Psychedelik.

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