Grönland oder Tropen?

Von Andreas Niedermann

„Wenn du zehn Durchschnittsbürger fragst, wo sie lieber leben würden, in den Tropen oder auf Grönland, was glaubst du, wieviele davon Tropen sagen würden?“
„Genau elf.“
„Elf? Warum?“
„Wenn du nicht dabei wärst, wären es zwölf.“
„Von zehn.“
„So ist es.“
„Okay. Aber warum würden sie alle lieber in einem feuchten, heißen Klima leben? Ein Klima, in dem es so feucht ist, dass dein Schweiß nicht mehr verdunsten kann?“
„Das ist leicht.“
„Leicht?“
„Ja. Weils dort warm sein soll. Immer und immer und ewiglich. Jahrein, jahraus.
„Eben.“
„Die Leute in Europa habens gern warm.“
„Sieht so aus.“
„Zeig mir einen, der die Kälte mag.“
„Luis Bunuel. – Und ich.“
„Bunuel? War der nicht Südspanier?“
„Ne, der war aus’m Norden. Aragonien, genauer Calanda.“
„Seltsam. Ist ja auch heiß dort. Und der mochte die Kälte?“
„Mochte er.“
„Okay. Und du? Warst du schon mal in den Tropen?“
„Nein.“
„Wirst du mal ?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Neben meinem Bettchen in der Geburtstklinik lag ein kleines Schild.“
„Ja?“
„Da stand drauf : Bitte nicht zudecken!“
„Hitzeempfindlich?“
„Nein. Aber inneres Feuer. Aber das ist es nicht.“
„Nur nicht so scheu. Raus mit den Brocken.“
„ Ist mir ein wenig peinlich.“
„Raus damit. Ohne Filter.“
„Na gut. Ich fürchte, dass ich in den Tropen nichts mehr von dem tun werde, was ich jetzt tue. Das ist beängstigend. Ein wenig. Und ich rede jetzt nicht von den zehn Durchschnittsbürgern von denen elf die Tropen wählen würden, und die dann zwei Wochen oder zwei Monate dort rumgammeln oder urlauben oder ein Hostelbusiness aufziehen, sondern mir fällt da Paul Gauguin ein.“
„Paul Gaugin? Der Maler auf Tahiti. Warum der?
„Der und die Briten in Indien, die alle zu schlimmen Säufern wurden. So auch Gaugin. Schon klar, er hat schon vorher gesoffen, aber die Tropen haben ihm den Rest gegeben. Außerdem sind die Bilder, die in Tahiti entstanden sind, ziemlicher Shit.“
„Wusste gar nicht, dass du auch ein Experte für Kunst bist. Aber egal. Wenn ich dich richtig verstehe, dann fürchtest du dich – vielleicht insgeheim – dass du deiner Kreativität beraubt würdest?“
„Kreativität ist ein Wort, das ich niemals benutzen würde.“
„Wie auch immer du den Fisch nennen willst. Aber gehe ich richtig in der Annahme, dass du dich gewissermaßen in etwa der Art vor den Tropen fürchtest, wie ein neurotischer Künstler sich vor der Psychoanalyse fürchtet?“
„Wie meinst du das?“
„Liegt doch auf der Hand oder nicht?“
„Nicht zwangsläufig. Ein paar Hinweise wären nicht hinderlich.“
„Okay. Hier ist was: Der neurotische Künstler fürchtet um seine „Kreativität“ (ich sags trotzdem so), wenn er analysiert und sein neurotisches Verhalten überwindet.“
„Ist das so? Ich meine, lässt sich heute noch jemand analysieren?“
„Ich denke, dass dem so ist. Jedenfalls hab ich es so gelesen.“
„Nun ja. Das kann sein. Ich denke: was zum Teufel soll ich in den Tropen machen? Für mich sieht es aus – aus der Ferne natürlich, und meiner Unkenntnis geschuldet -, als würde dort, in dieser ewig gleichen Feuchtigkeit und Temperatur jeder Anreiz wegfallen, überhaupt irgendetwas zu tun.“
„Hello!, my friend! Harte Ansage.“
„Soviel ich weiß, giltst auch du nicht gerade als Fachmann für die Tropen und – du warst nie dort.“
„Ich habe aber ein paar Bücher von Susann Klossek gelesen und die war dort.“
„Hab ich auch. Ein Grund mehr, da nicht aufzukreuzen.“
„Na gut. Du fürchtest also um dein, wie soll ich sagen, um dein aktives in der Welt sein.“
„In der Kälte gibt es eine Unbedingtheit, ich meine, die Natur fordert dich unerbittlich und du spürst in jeder deiner Fasern, dass sie dir nicht freundlich gesinnt ist. Du musst kämpfen. Und Kultur heißt ja nichts anderes als Bearbeitung.“
„Schon was von Erdbeben und Wirbelstürmen gehört? Von Überschwemmungen und Erdrutschen?“
„Das meinte ich nicht. Das sind Unglücke. Ich meine, der tägliche fight, um es etwas pathetisch zu formulieren. Nur schon der Kampf gegen die Kälte. Und ich finde eine karge Felswand schöner als den üppig wuchernden Garten Eden.“
„Üppig wurchernder Garten Eden? Was für ein abgeschmacktes Klischee.“
„Take a look to the pictures of Paul Gaugin. Und der wird’s ja wohl wissen. Ich meine, gewusst haben.“
„Lass doch den armen Gaugin in Ruhe.“
„Wollt’s nur gesagt haben.“
„Sieht ganz danach aus, als wärst du auch ein „Tropenkopf“…“
„Was soll das denn sein?“
„Ein etwas veralterter Dialektausdruck für einen … sagen wir mal … etwas Minderbegabten.“
„Ein Trottel?“
„In etwa.“
„Das ist jetzt aber völlig daneben. Direkt rassistisch.“
„Stimmt.“
„Und trotzdem kommst du mir damit?“
„Wollt’s nur gesagt haben.“

Andreas Niedermann, 1956 in Basel geboren. Lebt seit 1989 in Wien. Publizierte bislang neun Romane, zudem Novellen und Shortstorys. Letzte Veröffentlichung: „Blumberg2 (Die Wachswalze)“, Roman noir.

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