Basseterre

Von Heinz Stalder

Die Queen Mary 2 und wie all die anderen Kreuzfahrtschiffe auch noch heissen mögen, hatten am frühen Morgen im Hafen von Basseterre auf St. Kitts angedockt. Tausende von meist älteren Touristen gingen nach einem reichlichen Frühstück für ein paar Stunden an Land, überfluteten mit aufgeladenen Smartphones die Karibikinseln St. Kitts und Nevis. Die Tagesausflüge hatten sie bei ihrer Reederei gebucht. Und zum voraus bezahlt. Viele wurden mit Lunchpaketen versorgt.

Die Bewohner der beiden Inseln standen als Statisten für die Fotos und Videos dort herum, wo die wohlhabenden Rentner hingekarrt wurden.

Lange vor Sonnenuntergang waren die Passagiere wieder an Bord und zeigten einander beim Black Tie Dinner die immer gleichen Bilder und bewegten Szenen der besuchten Hotspots.

Sir David fehlte auf den Shots.

Der etwas heruntergekommene Markt in unmittelbarer Nähe des Hafens war heute auf keinem Programm der Kreuzfahrer.

Sir David war der Pirat von Basseterre. Kamen die Touristen, schnallte er sich ein Holzbein an den rechten Unterschenkel und bedeckte abwechselnd das linke oder das rechte Auge mit einer schwarzen Binde. Echt war der Enterhaken am linken Unterarmstummel. Nebst sich selbst als Fotosujet, bot er Muscheln in allen Grössen an. Aus allen rauschte der Ozean. Ab und zu sollen die gellenden Todesschreie von Piraten und ihren Opfern gehört worden sein.

Wenn sich abseits der Massen ein Fremder auf den Markt der letzten Habseligkeiten verirrte, sang Sir David zu Perry Comos Welthit Catch a falling star and put it in your pocket, save it for a rainy day warum und wie er seine Hand verlor.

Beim Fällen einer Palme auf seinem Grundstück in der Half Moon Bay schnitt er sich mit der Säge in einen Finger, schenkte der Verletzung zu wenig Beachtung, fing eine Blutvergiftung ein, sass einem Voodoo Quacksalber auf. In der Universitätsklinik musste die Hand amputiert werden.

Drum:

„When you touch a dangerous tool, then think of your fingers, protect your hands with safety gloves.“

Sir David soll ein begnadeter und sehr bekannter Cricket Spieler gewesen sein. Eine Legende. 2007 war er im Team der West Indies an der Heim-WM im Warner Park in Basseterre. Nach einem sensationellen Chinaman war er ein gefeierter Held und bald darauf Besitzer der von zu vielen Palmen bestandenen Liegenschaft in der Half Moon Bay.

„Einhändig kannst du vielleicht noch einen hohen Ball abfangen und den Batsman in die Wüste schicken. Für den Schläger hingegen brauchst du beide Hände. Für den einen oder anderen Sixer ist ein absolutes Zehnfingergefühl vonnöten. Weisst du überhaupt was ein Chinaman ist oder vergeude ich meine Zeit an einen Ignoranten.“

Klar doch. Ein linksarmiger Bowler wirft den Ball mit dem entsprechenden Drall um die Beine eines rechtshändigen Batsman. Die Bails fliegen von den Stumps. Der Batsman out. An der Anzeigetafel ein Wicket mehr. Chinaman, benannt nach Ellis Achong, dem genialsten linksarmigen Bowler mit chinesischen Vorfahren aus Trinidad. Brachte für die West Indies englische, australische und südafrikanische Batsmen zur Verzweiflung.

Sir David zog sein Handy aus der Tasche, wählte eine Nummer, redete auf jemanden ein, schrie auch mal zornig auf, beruhigte sich wieder, fuchtelte mit seinem Enterhaken wild durch die Luft und verkündete mit einer Stimme, die ebenso gut einen Sieg der Westindies über die Engländer hätte verkünden können, ein Freund komme in zwanzig Minuten mit einem Auto vorbei und dann führen wir zum Warner Park. Um im schönsten Cricket Ground der Welt auf seinen zur Legende gewordenen Chinaman anzustossen. Mit einem guten Schluck Rum

Ein Blick auf die Uhr machte die Einladung zunichte. Die zwei Stunden bis zum all on board reichten nicht.

Sir David schüttelte den Kopf. Seine Enttäuschung kam einer Niederlage seiner West Indies gleich. Er griff nach einer seiner Muscheln, überreichte sie wortlos. Die ihm entgegengestreckte Zwanzigdollarnote wies er mit Entsetzen und Verachtung zurück.

„When you win a foreigners heart never try to pay for it and put your money back in your ass.“

Sein Abschiedslied blieb in der Muschel stecken und übertönte das Rauschen des Ozeans.

Eine Recherche im Wisden Crickteter’s Alamanak, wo seit 1878 alljährlich weltweit über alle wichtigen Matches minutiös Statistik geführt wird, liess den Song vom Markt der letzten Habseligkeiten in Basseterre auf St. Kitts verstummen. Weder Sir David noch sein legendärer Chinaman waren in der Cricket Bibel aufgeführt.

Im Meeresrauschen ist aus der Muschel bei genauem Hinhören aber immer noch Sir Davids Stimme zu hören:

„When you do not trust a story, believe yourself in hony soit qui mal y pense.“

Foto: Suzie Maeder

Heinz Stalder, 1939 in Allenlüften geboren, Autor mehrerer Romane, Theaterstücke, Hörspiele sowie vieler literarischer Reportagen. Er bereiste die Karibik mit der Queen Mary und der Queen Elizabeth.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s