El Día del Revanj

Eine Fotoreportage mit 22 Bildern von Gion Mathias Cavelty und Pablo Haller

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Das Thermometer kriecht auf 33 Grad hoch, zäh, doch stetig, wie eine faule Echse.

Zürichs Asphaltdschungelalltag fährt auf Zeitlupe runter; wer heute nicht raus muss, bleibt zuhause. 182 Coronafälle innert 24 Stunden und die Meldung, dass das Sorgentelefon der Dargebotenen Hand bei Männern boomt. Einer will aber heute die Dinge selber in die Hand nehmen und mittels Magie Rache an seinen Feinden üben.

Breitbeinig steht er um 11.00 Uhr unter Nikki de Saint-Phalles fettem Engel am Zürcher HB: Gion Mathias Cavelty. Heute wird sein Tag, weil heute ist: El Día del Revanj.

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Restaurant Casa de Putanha, Zürich, 12.00 Uhr.

Gion: Pablo, heute ist der 8. August 2020 – „El Día del Revanj“. Geschrieben „Revanj“, ausgesprochen „Revantsch“. Das ist Haitianisch, könnte aber auch Rätoromanisch sein. Tag der Rache – warum? Nun: Weil ich heute Rache nehme an Figuren aus dem Schweizer Literaturbetrieb, die mir seit Jahrzehnten mit ihrer Boshaftigkeit schaden wollen. Ich spreche von Literaturkritikern, die meine Bücher nicht oder schlecht besprochen haben und jenen, die überhaupt nicht wissen, dass es mich gibt. An diesen Subjekten nehme ich heute Rache und zwar auf traditionelle Art. Ich werde ein Voodoo-Ritual durchführen, um diese Schweinehunde zu bestrafen. Und du bist mein Zeuge. – Ich nehme die Garnelen mit Knoblauch.

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Eine Stunde zuvor im mexikanischen Spezialitätenladen El Maiz in Zürich. Zufällig sind wir hier vorbeigelaufen und decken uns mit köstlichen, nützlichen und notwendigen Produkten ein. Somit wird der Laden zum spontanen Ausgangspunkt unserer rituellen Aktivitäten.

Für sein Ritual wollte Gion eigentlich in einen dominikanischen Voodoo-Shop im Kreis 4, um dort Voodoo-Püppchen zu kaufen. Doch da das nähergelegene El Maiz ebenfalls Figürchen im Angebot hat, entschied er sich für diesen Laden.

Gion: Nähergelegen = besser.

Die Püpplein im El Maiz sind zwar keine Voodoo-Püppchen, sondern mexikanische Miniatur-Wrestler aus Plastik.

Gion: Aber das spielt keine Rolle. Es geht in der Magie immer um Makrokosmos = Mikrokosmos, das ist die grundlegende Idee. Wenn du den Mikrokosmos beherrschst, beherrschst du den Makrokosmos. Ein kleines Püppchen steht für den realen Menschen in seiner gesamten Körpergrösse. Wenn du ihm den Kopf abhackst, spickt auch dem richtige Menschen der Kopf ab. Da ist es egal, wie das Püpplein konkret aussieht. Du musst ihm einfach einen klaren Namen geben. Den Namen einer real existierenden Person. Dann klappt es. Ich habe mich für drei mexikanische Mini-Wrestler entschieden. Der erste steht für den real existierenden Martin Ebel vom Tages-Anzeiger, die zweite Puppe ist der Peter Stamm, den ich nicht ausstehen kann, und der dritte ist der Roman Bucheli, Kritiker bei der NZZ. Ich will dieses drei Figuren heute vernichten. Ein- für allemal.

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Restaurant Casa de Putanha, Zürich, 12.34 Uhr.

Gion: Die Garnelen waren einfach mucho delicioso! Ich habe übrigens dem Martin Ebel bereits einen ersten Zahnstocher in den Plastikarsch gesteckt, um genau 12 Uhr 33. Das ist eine magische Zahl. Und jetzt stecke ich ihm den zweiten Zahnstocher in den Arsch. Schau gefälligst zu! Aaahhh … gut!

Pablo: Diese Reportage wird für „PETRO 22“ gemacht. Was erwartest du von dieser Zeitschrift?

Gion: „PETRO 22″ sollte so straight wie möglich daherkommen. Weil Magie ist unmittelbar und 1:1. Eindeutig wichtig zu sagen ist, dass es ein Magazin sein soll, das alles Bisherige sprengt. Themen behandelt, die dem rationalen Menschen des 21. Jahrhunderts von müdem Schulterzucken über Gelächter bis hin zu barem Unverständnis die ganze Spannbreite entlockt. Alles alles muss ernst gemeint sein und ist auch ernst. Voodoo is real. Auch bei uns im Alpenraum. Die Idee mit der Puppe gibt es ja auch beim Sennentuntschi. Eine Puppe, die auf einmal zu leben beginnt und Macht über den Menschen übernimmt, den Schöpfer quasi. Was passiert, wenn ich Martin Ebel einen Zahnstocher in den Arsch stecke? Es nimmt mich wirklich wunder! Literatur hingegen hat mich nie interessiert, Literatur wird mich nie interessieren. Mich interessiert die Magie. 22 zum Beispiel ist in der Kabbala die wichtigste Zahl. Es gibt die 22 Sephiroth vom Baum des Lebens, gibt die 22 Tarotkarten und natürlich die 22 Hebräischen Buchstaben, auf denen letztlich die gesamte Schöpfung von JHWH beruht, und so weiter und so fort. Und mein neues Buch hat am Ende 22 schwarze Seiten. Mit „PETRO 22“ ist jetzt der direkte Link zum Voodoo da. Ich habe früher einmal haitianische Kunst gesammelt. Da habe ich mich auf Loas spezialisiert. Von einem berühmten Künstler und Voodoopriester, André Pierre, kaufte ich mir ein grosses Ölgemälde mit Baron LaCroix aus der Familie der Gédé, der Totenloas, drauf. Ich habe es in meinem Arbeitszimmer aufgehängt, am Abend vor dem Schlafengehen aus Spass ein Glas Rum davor hingestellt, „Prost“ gesagt und bin schlafen gegangen. Am nächsten Morgen ging ich bereits mit einem mulmigen Vorgefühl hin und das Glas war leer. Warum war dieses Glas leer? Flüssigkeit, wie wir wissen, verdampft. Aber das war ein volles Glas Rum! Ich glaube nicht, dass ein Glas Rum über Nacht verdampft. Und seither habe ich ein schon Respekt vor diesem ganzen Pantheon an haitianischen Loas. Ich habe dann den Baron LaCroix verkauft, an einen Antiquitätenhändler in Zürich, zusammen mit ein paar anderen Loabildern von André Pierre. Auf einem war Maître Ogou Ferraille drauf, der Eisen- oder Krieger-Loa von den roten, also den aggressiven Petro-Loas. Richie, der Antiquitätenhänder, hat das Bild in seinem Laden fotografiert, und dabei sah er, wie Ogou Ferraille seine Augen bewegte. Auf dem Bild! Und in diesem Moment lief jemand hinter ihm vorbei. Er fand es dann auch nicht mehr so lustig. Ich war froh, dass ich diese Loas los war. Der neuste Stand ist allerdings, dass ich den Baron LaCroix wieder zurückgekauft habe. Ich gab Richie zwanzig Franken mehr, damit alle negativen Aspekte des Loas in seinem Besitz bleiben. Ein anderer Antiquar, Raf, der mit Richie zusammen den Laden betreibt, hatte einen Voodoo-Spazierstock. In seinem Umfeld begannen Leute auf mysteriöse Weise zu versterben. Er wollte nichts mehr damit zu tun haben und warf den Stock in die Limmat. An diesem Abend sind genau an dieser Stelle zwei Schiffe ineinandergekracht.

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Wir verlassen die klimatisierten Räume des Casa de Putanha mit den Bäuchen voll Camarones, Maniok, Passionsfruchtcrème und einigen Brama-Bieren sowie uns unbekannten Schnäpsen.

Die Sonne knallt auf unsere Gesichter wie eine Ohrfeige, beinahe ringt sie uns nieder. Aber das geht nicht, denn Gion Mathias Cavelty hat eine Mission. Wie der O-Beinige Held eines Spaghettiwestern stapft er durch den zähflüssigen Asphalt. Sein Ziel: Das Fumoir des Manuel’s. Dort soll das Ritual stattfinden.

Pablo: Gion, Fussgängertechnisch bist du wie ein Dominikaner; alle Strecken, die länger sind als ein Automobil, werden gefahren.

Gion: Ich würde sogar sagen: Alles, was zentimetermässig länger ist als der Sattel eines Velos, ist zu weit. Ich kann mich kaum mehr bewegen. Wegen Corona blieb ich wochenlang zu 99% zuhause, das ist die erste Strecke, die länger geht als zwei Meter.

Pablo: Ich sehe dich immer ein wenig als Humpty Dumpty, ist das so?

Gion: Warum?

Pablo: Körperlich eher unbeweglich.

Gion: Ich bin kein körperlicher Mensch. Und Humpty Dumpty war ein Ei. Er hätte sich gescheiter gar nie bewegt. –  Es ist heiss und ich bin müde. Ich mag nicht mehr.

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Auf dem Weg zum Manuel’s gibt es noch einen Halt in einem dominikanischen Laden an der Langstrasse, in dem des Voodokerzen und Liebespulver zu kaufen gibt. Ich kaufe mir ein Malta Morena gegen die Hitze und ein Presidente gegen den Durst. Cavelty steuert mit bebenden Nasenflügeln aufs Empanada-Buffet zu. Bei den magischen Pülverchen, Salben und Kerzen kann ich mich nicht zwischen einer Seife für meine Frau („Yo Domino a mi Hombre“) und einer Kerze mit dem Antlitz von Ulrich von Augsburg entscheiden, der jeweils am 4. Juli auch vom Bistum Chur, zu dem Zürich gehört, hochgefeiert wird, und der im Synkretismus des haitianischen Voodoo für Agwé, den Meeresadmiral, steht.

Pablo: Agwés Bauernregeln lautet: „Regen am Sankt-Ulrich-Tag macht die Birnen stichig mad.“ Apropos „stichig mad“: Weisst du, dass meine dominikanische Schwägerin ihren Ex-Mann verflucht hat, so dass ihm der Schwanz erst anschwoll wie ein Ballon, um danach kümmerlich abzufaulen? Am Ende sei er dünn und bleich wie ein Mehlwurm gewesen. Über die genauen Umstände und das Warum weiss man nicht viel. Es gibt Gerüchte über eine andere Frau, es gibt immer Gerüchte über eine andere Frau bei den Latinas … ein güirgüiri, ein Geräusch.

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Wir irren an der Bierhalle zum Krokodil vorbei.

Gion: Weisst du, dass Kannibalen in Liberia ihre Opfer mit Krodkodilgallensaft lähmen und dann bei lebendigem Leib verspeisen? Da ist es Brauch, ein derartiges Festmahl für die Eingeweihten anzukündigen, und zwar, indem man das getötete und seiner Gallenblase beraubte Krokodil in der Nähe seines Heimes platziert. Das ist so eine Art offizielle Einladung.

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14.30 Uhr, im Fumoir des Rum- und Zigarrenladens Manuel’s an der Löwenstrasse in Zürich, das einem die Illusion vermittelt, mitten in Kuba zu sein.

Wir rauchen zwei Opus X Pussycats von Arturo Fuente aus der Dominikanischen Republik.

Am Nebentisch sitzt ein Mathematiker, der eine neue Mathematik proklamiert, in der zwei und drei eins gibt. Er hat die doppelte Leibesfülle von Friedrich Dürrenmatt und doziert mit der Donnerstimme eines alttestamentarischen Propheten: „Eine neue Mathematik wird kommen und auch diese rettet uns nicht“.

Gion (flüsternd zu Pablo): Das ist Basil, er unterrichtet am Kollegi Altdorf. Er ist der Mensch, der mir mit Abstand am meisten Angst auf der Welt macht. Ich hoffe, er hat keinen schlechten Einfluss auf das Ritual.

Das Hauptritual steht an. Ich übernehme die Rolle des Zauberlehrlings. Ganz wohl ist mir dabei nicht.

Ich höre Cavelty murmeln, rasen und toben; ich sehe, wie sich sein Bauch aufbläht. Ein Loa der niederen Ränge beginnt mich zu reiten, wohl ein in den Nullerjahren verstorbener Säufer. Er beginnt sich lautstark über das seiner Meinung nach zu wenig gekühlte Bier zu beschweren, staucht das gesamte Servierpersonal auf Kreol zusammen: „E poukisa fout ou pa gen byè ‹prestige›?!?!?“

„Eine neue Mathematik wird kommen und auch diese rettet uns nicht.“

Wir trinken literweise Rum und alles beginnt sich zu drehen; wir malträtieren die Figuren nach allen Regeln der schwarzen Kunst. Wir köpfen sie mit Zigarren-Cuttern, zerquetschen sie unter schweren Aschenbechern; demütigen sie mit einem Wackelkopf-Arturo-Fuente aus Plastik.

Ab dem Moment, als der schmelzende Kopf von Martin Ebel in die blaue Flamme des Anzünders tropfte, erinnere ich mich an nichts mehr.

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Ich erwache um 04.00 Uhr morgens in meiner Krienser Absteige mit meinem Kopf auf der Kloschüssel. Schädelhämmern und Fieber. Mein Smartphone blinkt. Anrufe, Text- und Sprachnachrichten von Gion Mathias Cavelty.

Etwas scheint fürchterlich schief gelaufen zu sein.

Am 8. August 2020 hat das Böse durch einen Riss im hauchdünnen Vorhang zwischen Leben und Tod geblickt.

An diesem Tag ist ein Dämon geboren wurden.

Du fühlst es auch.

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Weiterführende Lektüre:

  • Alfred Métraux: „Le vaudou haïtien“, Paris, Gallimard, 1958, dt. „Voodoo in Haiti“, Gifkendorf. Merlin, 1994
  • Maya Deren: „Divine Horsemen. The Living Gods of Haiti“, Thames and Hudson, London 1953, dt. „Der Tanz des Himmels mit der Erde“, Promedia, Wien, 1992

Musikempfehlung:

  • King Diamond: „Voodoo“, Massacre Records, 1998

 

Gion Mathias Cavelty, *4.4. 1974 in Chur, Schriftsteller in
Schwamendingen. Black Magic ist sein Ding. Seine Homepage ist
www.nichtleser.com.

Pablo Haller (*1989, Luzern) lebt in Kriens. Er ist Herausgeber von „PETRO 22“, Veranstalter und Autor. Daneben diverse musikalische Projekte als Texter und Performer, etwa das Bachata-Duo Ron y Ruido. Letzte Veröffentlichungen: „Piraten der Schildkröteninsel: die kuriosen & abstrusen Abenteuer des Pablo Picapollo“ (Das Narr, 2017), „Leda“, (Gonzo-Verlag, 2015) und „Südwestwärts 1&2“ (Gonzo-Verlag, 2013).

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