Tropen. Der Mythos der Reise (Ausschnitte)

Von Robert Müller

Der Gedanke, der meinen entwöhnten Kräften entglitt, bevor er unter dieser sengenden Hitze reif ward, er kam wieder, er machte sich lästig: plötzlich summten mir die Ohren von ihm, als hätte ihn einer ausgesprochen. Der Gedanke war: All dies hatte ich schon einmal erlebt. Diese milden müden Wasser hatten um mich gespült. Dieses scheinhafte Licht, diese Süße, diese Laune, dieses Dämmern im Unausgesprochenen war nicht neu, es traf auf Erinnerung im Menschen, es war eine — Wiederholung. Wo aber, wo hatte ich diesen Zustand der Tropen, diese Szene willenlosen Wachsens durchgemacht, wo, wo?

Das Gefühl, das ich jetzt gegenüber dieser Tropenlandschaft habe, ist ungefähr jene selbstgefällige Wehmut, die eine moderne Lokomotive beim Anblick eines James Wattschen Teekessels empfindet. Ich bin eine vielfach verbesserte Tropenlandschaft. Wo ich gehe und stehe, trage ich eine Normaltemperatur von sechsunddreißig Graden mit mir herum, ein üppiges Anschießen der Säfte, eine Vegetation von warmer Pracht.

Die Sonne stand jetzt über dem letzten Wirbel, wenn wir im Boote saßen. Die Dinge blieben süß und fuhren fort zu zaubern, aber die Beobachtung begann sich zu lässigen. Alles wurde dicker und banaler. Wohl, ich trug die Tropen in mir — aber war es nicht eine ungerechte Benachteiligung, eine unnatürliche Belastung, war ich nicht gerade dadurch einer doppelten Erhitzung ausgesetzt? Durch Generationen war mein Organismus an die Überwindung von Kältewiderständen gewöhnt. Sein Verbrennungsprozeß war eigenmächtiger, seine Molekulartätigkeit eine regere. Die Exzesse meines Gehirns bewiesen es, diese krankhafte Schärfe des Stimmungsbewußtseins und der gedankliche Apparat, der dergestalt in Betrieb gesetzt wurde.

Soviel will ich verraten, ich trage mich mit einer löblichen Absicht; die Aufgabe ist, die Allmählichkeit einer Wirkung tropischer Zustände auf ein nordisches Nervenleben festzuhalten; oder als Frage gestellt: Wie kann man auf distinguierte Weise verrückt werden?

Ja, wir kamen vorwärts! Schon spürte ich es. Unsere Fahrt bekam plötzlich eine Projektion ins Emotionale. Bergab sauste ich in die Tropen der Menschheit, in Urzustände der Kräfte, in einen ökono- mischen Großbetrieb des Wachsens und Werdens. Was ging mich Slims Schatz an? War die Reise für mich nicht schon erfolgreich, hatte ich nicht schon meinen Schatz entdeckt? Symbole, akzentuierte Spiegelungen waren vollwertiger Ersatz. Dies und jenes war unsere Art, den Rhythmus, das Welttempo für uns zu gestalten. War das nichts? Der alte Praktikus Slim wird seinen Schatz nicht finden. Ich, der Ideologe, habe gesiegt. Es wird sich herausstellen, daß rationaler Idealismus dem romantischen Materialismus überlegen ist. Wasserräder kann man in Pferdekräften messen, Kultureinbildungen sind blutbildend. Dieses Geschlecht kehrt wieder zu den Vätern, in seinen Urwald zurück!

Von Minute zu Minute lassen wir zerwühlte Stätten hinter uns, zerquetschtes Laub und in den Boden gestampfte Früchte, helle Brüche von Ästen und jungen Schößlingen, deren spiralige Späne wie gekrampfte Zungen Erstickender Reue wecken könnten! Der Wald fällt rasselnd wie ein Epileptiker! Aber in uns rauscht das grausame Blut der Tropen, und unser Haß gegen den Wald besiegt alle Müdigkeit und allen Ekel. Bloß um den Takt zu halten, fallen die Äxte auf nachgiebig schaukelnde Sprossen und zerfleischen Machettas wie ein fort sich schraubendes Sichelsystem die grüne Wunde an der Front, aus purem Eifer schaffen sie rege, die Mensur nicht zum Stillstand kommen zu lassen. Aus dem geilen Boden sickern Flüssigkeiten, zwischen Wurzeln und krautigem Moos bleicht perlmuttern der Schleim von Kriechtieren. Zwielicht herrscht unterm Laube dicht und wächsern wie eine Haut, und die Röhre zurück, die wir kamen, rollt es im Flimmern der brechenden Lichter wie eine große dampfige Walze. Aus allen Poren des Djungles steigt der Dunst, die Luft wird schlürfbar und brühwarme Wellen umrieseln den Körper, wo ein Balken Licht sich zur Erde durchgezwängt hat.

Die Tropen, die Hitze, die Nervosität dieses unerträglichen Klimas trugen die Schuld und unsere eigenen dunklen Herkünfte und menschlichen Vieldeutigkeiten.

Es lebe die Lust, das Rauschen des törichten Blutes! Prangende Sinne und einzige Weisheit des Fleisches! Kamt ihr aus einer Tropennacht zu mir, aus Siedehimmeln und schwärmenden Gestirnen, aus Fruchtbarkeit, die im alten Mark des Urwalds quillt und sproßt, und aus fleischlichem Wuchern, aus der stehenden Schwingung lauer Luft, die von der Riesenraspel membranöser Zikadenflügel erzittert, kamt ihr zu mir aus gespreiteten Palmenwedeln über dem Kopfe oder von Arukis schlenkernden Brüsten! Süße Mutter, wie das Baby schmatzt! Um der Süßigkeit willen und der schläfrigen Wollust, die in Frauenschenkeln ruht und aus der Mohnrose ihres Schoßes aufblüht, will ich ein Vater werden und die Welt meiden, der ich entstamme.

Als ich die Tropen noch nicht kannte, vermeinte ich’s zu wissen. Ich trug es damals in mir, die Tropen waren in mir vorweggenommen, irgend einmal in grauer Vorzeit mußte ich sie erlebt haben, als ich noch in meiner Mutter Schoß im lauen Klima, von Nahrung umbrandet und umspült, lag. Später kam ich hin und sah den Dingen auf den Grund, sah buchstäblich in ein schleimiges wimmelndes Wasser von Zellenleben zwischen Urwaldufern hinab. Ich begegnete einem Panther und erkannte den Lebensmodus meiner Nerven in ihm wieder.

Tropen gibt es nicht; das ist ein Wortspiel, wir aber entdecken von Tag zu Tag die Wirklichkeit und den ehrlichen Stil. „Tropen“ ist ein Appell an das Gedächtnis meiner Eingeweide, aus den Zeiten, da ich noch aus nichts anderem denn jenen bestand; die biographische Erinnerung an die Faulenzerperiode, als auf Nowaja Semlja noch meine Krokodile im warmen Flußbad plätscherten. Alles dies ist jetzt internisiert, die ganze Tropenlandschaft fahrbar gemacht auf zwei Hinterfüßen, und nur innerlich ist die Sonne poetisch, da gibt es glutige Seufzer und wuchernde Pracht, mannshohes Dickicht, ein Jägerleben, Lauerposten, Überfälle und Wildhatzen. Und dort haben wir auch die ganze gärende Poesie; die Tatsachen draußen aber stehen für sich da. Dieses Land hier liegt unter dem Äquator, ist ein wenig heiß, spröde und langweilig und wird erst vernünftig sein, wenn eine Eisenbahnschiene quer durch den Djungle gelegt ist. Tropen, Tropen, das ist ein verdammtes Wort, ein Salonvokabel, um für die paar Orchideen Platz zu machen, die an diesem Platze herumwelken. Auf die Wahrheit angewandt, ist es eine Ausrede vor der Arbeit, die in diesem Sonnenstrich wartet.

Ich dachte exakt, aber ich erlebte zweideutig. Es war die Trance, das große seelische Ereignis der Tropen. Ich wußte über meine geistige Anwesenheit Bescheid, aber ich vermischte die körperlichen Grundlagen, ich war imstande, zwei Räume ineinander zu schieben. Es ist ein entsetzlicher Abgrund von Tiefe, der sich hier auftut. Ich war imstande, zu denken, daß das Bild der Sinne im Verhältnis zum geistigen Zustande absolut gleichgültig sei; aber ich vermochte mit- samt der enormen Anstrengung von Gehirn und Willen nicht, dieses Bild zu beeinflussen, ich kam buchstäblich nicht vom Flecke. Mein Dasein blieb in diesen Minuten trotz außerordentlicher geistiger Leistungen ein nur verhältnismäßig Wirkliches.

Der Himmel, der trockene, gesprenkelte Himmel der Tropen, zu heiß, um Stimmung zu haben, zu klar, um Phantasie zu entfachen, wurde quellend und gleichwohl vielversprechend. Ereignisse aus meinem Blute stimmten ihn szenisch. Er kam frisch aus der Rumpelkammer meiner Bedürfnisse. Heida, ich brauchte einen tropischen Himmel, einen galanten, etwas lüsternen Himmel, bitte, etwas Schwüle und Fieber, Ansteckung, den Fraß, Fraß im Blute!

Der Dichter ist ja bekanntlich der feinste Kaufmann, er kauft alles und bezahlt mit Phantasie. Ein solcher Dichter, ein solches Stück Tropennatur, bitte zu bemerken, ein solcher Verfertiger von Tropen bin ich. Ich habe Zana schon längst glücklich geheiratet, aber gleichwohl, ich liege noch immer hier. Da sieht sie her, so schmachtend wie möglich, mit einem Blick, als würde ich ihr sofort, auf der Stelle, mit einem Messer den Bauch schlitzen. Ich aber liege hier, bin faul wie ein Alligator und von meinen Knochen fällt langsam das Fleisch ab.

Es ist immer eine schmutzige Sache, wenn einer Bücher schreibt, zumal aber solche über die Tropen. Denn die Tropen sind die Kinderschuhe der Menschheit. Wer sie ausgetreten hat, wäre reif und dichtete sie nicht. Die Tropen sind die Pubertät eines jungen Europäers. Aber das ist nun der Fluch, den wir aus unserer Herkunft mitgebracht haben: wir reifen eine Zeit und dann ist es aus, die Reife tritt zugleich mit dem Untergange ein. Nun, ich bin reif; ich entsage Weib, Beruf und Buch.

Ich wollte all meinen Lebensrest der prächtigen Existenz unter breitblätterigen Pflanzen weihen, wollte ohne die Hemmungen der Zivilisation meinen reinen menschlichen und tierischen Trieben opfern; ja, ich wollte mir ein Weib nehmen und als ebenbürtiger Sohn der Tropen gebotene Süßigkeiten auskosten. Mit den Ideen wird Schluß gemacht, ich verlege mich ganz auf die benachbarte Realität, ich ziehe mich in die tiefstmögliche Dimension zurück.

Und das Schönste ist dies, ich lasse die ganze Geschichte von einem erzählen, der gar nie in den Tropen gewesen ist. Das ist nämlich die Pointe. Es stellt sich heraus, daß er, der Nordländer, die Tropen in sich hat. Er braucht gar nicht erst an den Äquator zu gehen, er hat ihn in sich. Sein Gehirn, mit einer üp- pigen Vegetation von Tropen und Gleichnissen angefüllt, ist aus den Rückständen seiner Abstammung zu erklären. Inmitten der kalten Zone ist er ein klimatisches Residuum. Dieser Mensch, den ich dort zeige, ist bei aller Kultur, die er besitzt, gleichsam ein Eneuer Wilder. Die Verhältnisse, denen er begegnet, sind Transplantationen seiner nächsten Umgebung, die Tropen mit all ihren Einzelheiten sind also gleichsam ein Schlüsselbegriff. Ich werde sogar so weit gehen, eine diesbezügliche Gebrauchsanweisung einzuflechten — — —«

Tod und Leben sind keine Widersprüche, so wenig wie Liebe und Leben. Es ist auch möglich, daß ich wie Slim den allerlächerlichsten Tod finde. Dann springt der Dichter ein, dann ist es Zeit für den Dichter, die Tragikomödie liegt fix und fertig vor ihm da. Wenn man aber den Menschen der Zukunft fragen wird, ob er schon in den Tropen gewesen sei — ah, was Tropen, sagt er, die Tropen bin ich!

Bild: Egon Schiele

Robert Müller (* 29. Oktober 1887 in Wien; † 27. August 1924 ebenda) war ein österreichischer Schriftsteller, Journalist und Verleger. Sein Roman „Tropen. Der Mythos der Reise“ (1915) gilt als ein Meisterwerk des deutschen Exotismus der Jahrhundertwende.

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