Port-au-Kriens

Von Pablo Haller

Port-au-Kriens beginnt in einem kleinen Zimmer an der Grenze zu Littau und erstreckt sich in südwestlicher Richtung durch mäusebelebte Holztäferwände, durch Dachsgerumpel auf dem Estrich, über den Sonnenberg bis zum Pilatus, an dessen Hängen die farbigen Hütten von Jalousie kleben.

Irgendwann im vierzehnten Jahrhundert
gab es einen Aufstand der Bauern gegen die Habsburger.

Hier

Seither ist nicht mehr viel passiert.

Hier

Kein es war einmal und kein es wird einmal gewesen sein.

Hier

Ein paar Hütten im Hang
und dann und wann eine Überschwemmung.

Die Zuckerrohrfelder sind in den Köpfen.

Dort …
… bleibt eine Hypothese

Ich stehe da
wo sich die Nacht auflöst,
wo die Kühle dem Licht nachgibt
und Grün mit Feucht überzieht.

Wo sich die Sonne
über den Rücken der Rigi schwingt
– „Hier bin ich, kommt mit mir klar!“ –
und in den feinen Dunst reinpfunzelt,
der über den Matten hängt
nachdem die Menschen ihre Träume ausgelüftet haben.

Ich stehe da wo sich die Nacht auflöst,
die einen aus einer Bar kommen,
die anderen zu einer Arbeit gehen.

Die Zuckerrohrfelder sind in den Köpfen.

Ich schaue, ich sehe.
Ein Kuckuck, der aus einem fremden Nest lärmt.

Irgendwann im vierzehnten Jahrhundert
gab es einen Aufstand der Bauern gegen die Habsburger.

Seither ist nicht mehr viel passiert.

Hier

Kein es war einmal und kein es wird einmal gewesen sein.

Die Schächte der Metro sind verwaist
oder noch nicht gebaut.

Und doch gab es da einst ein Erwachen
zwischen all diesen aneinandergedrängten Körpern
aus denen allerlei Früchte wuchsen.
Und alle assen davon und wurden glücklich dabei.

„Dieser Planet ist der seltsamste von allen“,
lispelt ein Echsengirl
durch eine leere Raumstation,
die an der Erde vorbeischrammt
wie Huckleberry Finns Floss an Missisippischwemmzeug
– als wäre sie Allgeröll.

Auf einmal Regen über dem Bellpark.
Die ersten Tropfen, die in den Boden einschlagen,
schwer wie vollgesoffene Zecken.

Auf einmal Sonne,
die die Tropfen
wieder hochsaugt.

Wir leben in einem grossen Eintopf.
Unser ganzes Streben ist getrieben
von kleiner Flamme und wohlgewürztem Weichwerden.

Ekstase, Einkehr, Läuterung, Ekstase

Kein es war einmal und kein es könnte einmal gewesen sein.

Port-au-Kriens versandet in der Wüste von Sonora.
Südwestlich dahinter liegt das Entlebuch,
wo der Geist von Christian Schybi
seine Bauern weiden lässt.

Ich stehe da, wo die Kühle dem Licht nachgibt.
Sehe einer Gazelle zu.
Gestern graste hier eine andere Gazelle
mit flachem Gesicht.
Der Magnolienbaum wirft bereits
seine Blüten ab.
Die dahnige Gazelle weidete erst Abends.
Fragen zur Schönheit trieben sie um.
In ihrem Augenweiss
versanken riesige Pupillen.
Angelpunkte des bisher bekannten Universums.
Adam und Eva, Alpha und Omega aller allesverschlingenden
Schwarzen Löcher.

Dieses Leben is das seltsamste von allen.

In dunklem Schlaf wuchernde Träume.
Der Magen gurgelt Hunger.
Vor der Hütte Glut,
darin eine Büchse Bohnen
mit Speckwürfeln gespickt.

„Es esch es feins Gschmäckli, Meitschi!“

Ich erzähle der Gazelle
was einmal gewesen sein könnte
und was sein wird.
Bin ein müder Ranger
im Traum eines anderen.

„Es esch es feins Gschmäckli, Meitschi!“

Ich bleibe liegen.
Landlos, ohne Ort
in den ich aus diesem Traum
hineinerwachen kann.

Ich bleibe liegen.
Keine Runde heute
durch die dunkle Nacht der Seele.
Die Wildnis bleibt sich selbst überlassen.

Pablo Haller (*1989, Luzern) lebt in Kriens. Er ist Herausgeber von „PETRO 22“, Veranstalter und Autor. Daneben diverse musikalische Projekte als Texter und Performer, etwa das Bachata-Duo Ron y Ruido. Letzte Veröffentlichungen: „Piraten der Schildkröteninsel: die kuriosen & abstrusen Abenteuer des Pablo Picapollo“ (Das Narr, 2017), „Leda“, (Gonzo-Verlag, 2015) und „Südwestwärts 1&2“ (Gonzo-Verlag, 2013).

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